Jeffery Deaver im Gespräch mit Krimi-Couch-Herausgeber Lars Schafft
über seinen neuen
Lincoln-Rhyme-Roman »Der gehetzte Uhrmacher«.
Mr. Deaver. »Der gehetzte Uhrmacher« ist Ihr siebter Roman um Lincon Rhyme und Amelia Sachs. Ihr bester bisher?
Ich bin eigentlich sehr offen, was meine Arbeit angeht. Anstatt gut oder schlecht zu sagen, bevorzuge ich »stimmig«. Mein Ziel ist, meinen Lesern eine unterhaltsame, spannende Zeit zu bereiten. Meine Leser sind meine Götter. Ich schreibe für sie, gebe ihnen das, was sie wünschen. Bei jedem Buch, das ich schreibe, behalte ich meine Leser im Hinterkopf. »Der gehetzte Uhrmacher« ist dafür ein gutes Beispiel. Gleichzeitig versuche ich aber auch, immer etwas Neues einzuarbeiten. Dennoch: Ich gebe meinen Lesern genau das, was sie wollen. Und das ist in meinem Fall ein sehr kurzes Zeitfenster, viele Wendungen, Überraschungen, Überraschungen, Überraschungen. Dazu viele Fakten, die wahrscheinlich neu für sie sind. Wie in »Der Insektensammler«, als es um Insekten ging. Oder wie in »Der faule Henker«, wofür ich mich intensiv mit Magie befasst habe. Das sind meine Grundlagen. Dazu möchte ich dann immer etwas Neues bieten.
Was ist das Neue im »Gehetzten Uhrmacher«?
Zeit. Uhren, Uhrmacher. Der mechanische Aspekt, aber auch der philosophische. Zeit als ein Symbol für Sterblichkeit. Wenn wir geboren werden, fängt die Uhr schon an zu ticken. Das Thema Zeit ist das Andersartige im Vergleich zu den anderen Lincoln-Rhyme-Büchern. Oder wie ich es ausdrücken möchte: der Mehrwert.
Was bedeutet Zeit für Sie persönlich?
Für mich persönlich? Sehr wenig. Aber das ist ein sehr berechtigter Punkt, vielen Dank für diese Frage. Ich werde oft gefragt, wie viel von mir selbst in meinen Büchern steckt und ich antworte darauf in der Regel: praktisch gar nichts. Ich sehe mich eher als Pilot eines Flugzeugs, der seine Passagiere zu den unterschiedlichsten Orten fliegt. Mein Job ist es, leidenschaftslos zu sein, allwissend zu sein. Zeit war nichts, wofür ich mich vorher besonders interessiert hätte. Dennoch hat mich das Thema Zeit bei der Recherche außerordentlich fasziniert. Als kleiner Junge habe ich viel Zeit mit meinen Großeltern verbracht. Meine Großmutter war Deutsche, aus der Nähe von Stuttgart, und sie hatte von ihren Eltern eine große Uhr geerbt, keine Kuckucksuhr, eher das, was wir eine Großmutter-Uhr nennen, eine mit einem furchterregenden »Gesicht«. Die Uhr hat mich jedes Mal in Schrecken versetzt, zu Tode erschreckt. Ich weiß nicht wieso, aber für mich war diese Uhr immer ein Sinnbild des Schreckens.
Welche Rolle spielt Gewalt in Ihren Romanen?
Ich hasse es, über Gewalt zu schreiben.
Das klingt etwas seltsam, handeln Ihre Romane doch von sehr bizarren Arten des Mordens.
Ja, das stimmt. Es bedeutet, dass ich kein Problem mit Gewalt habe. Ich habe eines mit extremen Gewaltdarstellungen. Sie werden nur wenige wirklich grauenvolle Szenen in meinen Büchern finden. Die Gewalt, die Sie lesen, ist dann entweder schon ausgebrochen oder die Handlung hält an, bevor die Gewaltszene an sich beginnt. Lange Gewaltszenen zu schreiben ist sehr einfach, wie man an aktuellen Kinofilmen sieht. Und wir finden das abstoßend. Im Gegensatz zu Filmen von Alfred Hitchcock, wo wir die Auflösung aufregend finden. Ich versuche, dies auf eine frische Art wiederzugeben. Ich bin meinen Lesern eine unverbrauchte, nicht-klischeehafte Darstellung schuldig. Das kann manchmal frustrierend sein und ich schreibe eine Szene immer und immer wieder neu.
Mit Kathryn Dance führen Sie neben Lincoln Rhyme und Amelia Sachs eine weitere Figur ein.
Ja, aus einem sehr berechnenden Grund: Die Lincoln-Rhyme-Romane sind sehr beliebt, wurden Millionen Male auf der ganzen Welt verkauft, und sie drehen sich um ihn. Er ist Kriminalist, ein Wissenschaftler. Forensik ist ein sehr wichtiger Bestandteil in der heutigen Ermittlerarbeit, wie man an Serien wie »CSI« oder »Bones« sieht. Aber es gibt eben sehr viel mehr Aspekte bei der Aufklärung eines Verbrechens als nur Forensik. Also habe ich eine Figur entwickelt, die genau das Gegenteil von Lincoln Rhyme ist. Sie ist keine Wissenschaftlerin wie er, sie ist eine Expertin in Kinetik, in Körpersprache, und liebt es, sich mit den Menschen zu beschäftigen. Sie muss sich hinab bewegen in die Gedankenwelt der Bösen und das eröffnet für mich eine völlig neue, faszinierende Möglichkeit des Erzählens.
War es schwierig für Sie, aus der Sicht einer weiblichen Figur zu erzählen?
Nein. Nein, nicht wirklich. Es ist die Pflicht eines Autors, sich in seine Figuren hineinzuversetzen. In »Das Teufelsspiel« habe ich aus der Sicht einer afro-amerikanischen jungen Frau erzählt. Ehrlich gesagt, war das schwieriger als wie jetzt bei Kathryn Dance, also aus der Perspektive einer weißen Mittdreißigerin.
Kathryn Dance spendieren Sie noch in diesem Jahr einen eigenen Roman.
Gibt es für die Lincoln-Ryhme-Reihe eine Art Masterplan?
Ich schreibe für meine Fans.
So lange meine Bücher gelesen werden, werde ich sie auch weiter schreiben. Natürlich kann aber der Zeitpunkt kommen, wo sie meine Fans ermüden.
Und vielleicht auch Sie selbst?
Das spielt keine Rolle. Ich selbst bin dabei irrelevant.
