Jeffery Deaver im Gespräch mit Simon Denninger (Si-De-Punkt) / TrendyOne
über seinen neuen Roman »Carte Blanche«.
Mr. Deaver. Wann und wie haben Sie erfahren, dass Sie auserwählt wurden, den neuen Bond-Roman zu schreiben?
Das war vor zwei Jahren, als ich gerade auf einem Highway entlangfuhr (kurioserweise übrigens ganz in der Nähe einer Stadt namens Flemingtown). Ich erhielt eine Textnachricht meiner Agentin. Ich überlegte ungefähr fünf Sekunden, bevor ich mir sagte: Ja, das will ich machen!
Geht für Sie damit ein Traum in Erfüllung (als Autor und / oder als Fan)?
Ja, unbedingt. Ich habe meinen ersten Bond-Roman gelesen, als ich acht Jahre alt war. Und Ian Flemings elegante und rasante Art zu schreiben hat mich bis heute sehr stark beeinflusst. Ich war wirklich begeistert, ausgewählt zu werden – sowohl als Autor als auch als Fan.
In den Filmen wurde der Charakter von James Bond mit Daniel Craig in gewisser Weise neu erfunden. Wie ist es mit Ihrem Bond? Wie schwierig finden Sie es, eine Geschichte mit einer Figur zu schreiben, die Sie nicht selbst entwickelt haben?
Mein Bond ist ein relativ junger Agent, und die Geschichte spielt in der Gegenwart. Er basiert nicht auf einer der Filmversionen, sondern auf dem Charakter in den ursprünglichen Romanen. Sie waren meine einzige Quelle der Inspiration, nicht die Filme oder die andere Fortsetzungsromane. Es fiel mir leicht, über Bond zu schreiben, da ich seit früher Kindheit ein Fan von Ian Flemings Büchern bin. Aber ich stellte von Anfang an klar, dass die Geschichte meine eigene sein würde – ein typischer Deaver-Thriller also und kein Aufguss der klassischen Romane.
Besonders wichtig für Bond-Geschichten sind ja immer auch seine Gegner. Wie haben Sie die Bösewichte entwickelt?
Ich liebe es Schurken zu schaffen. Der Böse in »Carte Blanche« – Severan Hydt – ist eine Kombination aus einem Halunken, wie Ian Fleming ihn geschrieben hätte (mit einem deutlichen Hang zur Megalomanie), und einem typischen Deaver-Bösewicht (mit starken psychopathischen Zügen).
Mussten Sie sich beim Schreiben an viele Vorgaben halten?
Natürlich musste ich alles vom Fleming Estate absegnen lassen. Aber ich arbeite nicht besonders gut, wenn mir ständig jemand über die Schulter schaut. Ich reichte also ein kurzes Exposé ein, dass genehmigt wurde, und dann setzte ich mich hin und schrieb den Roman. Der Fleming Estate war während meiner Arbeit jedoch sehr hilfreich und gab mir viele gute Anregungen.
Wie schreiben Sie eigentlich Ihre Romane. Arbeiten Sie zuerst die Handlung aus oder die Charaktere? Und wie verleihen Sie Ihren Hauptcharakteren Tiefe?
Ich habe »Carte Blanche« genauso geschrieben wie meine anderen Romane: Zunächst kam der Plot. Ich verbrachte etwa acht Monate damit, ein Handlungsgerüst zu verfassen, in dem jede Wendung bereits festgelegt wurde. Das Exposé hatte eine Länge von ungefähr 140 Seiten. Das eigentliche Buch schrieb ich dann in rund zwei Monaten, inklusive aller Überarbeitungsdurchgänge. Den Romanfiguren Tiefe zu geben, fällt mir relativ leicht. Ich tue so, als wäre ich die jeweilige Figur, und schreibe dann aus ihrer Perspektive. Dann füge ich Details hinzu und verleihe den Charakteren Leidenschaft und Sehnsüchte – insbesondere den Bösen, deren Leidenschaften und Sehnsüchte die Leser als eher ungesund empfinden sollten.
Warum haben Sie sich dafür entschieden, Ihren James Bond in der Gegenwart spielen zu lassen?
Ein Roman, jeder Roman muss die Leser emotional berühren. Ich fand, dass ein klassisches Setting den Lesern den Zugang zur Geschichte erschweren würde. Also habe ich sie im Heute angesiedelt.
Sie sind berühmt für die zahlreichen unerwarteten Wendungen in Ihren Thrillern. Inwieweit haben Sie dieses Stilelement auch in »Carte Blanche« verwendet – oder muss ein Bond-Roman geradliniger erzählt werden.
James-Bond-Romane (auch die von Ian Fleming) haben zumeist eine lineare Struktur – sie werden ohne viele Drehungen und Umwege durcherzählt. Ich kann Bücher aber nicht auf diese Weise schreiben. Meine Leser lieben Überraschungen, und auch »Carte Blanche« enthält ein paar unvorhersehbare Wendungen.
Fühlten Sie sich stärker unter Druck beim Schreiben dieses Romans als bei der Arbeit an Ihren eigenen Serien.
Nein. Mein Ziel ist es, die Leser in Spannung zu versetzen. Und den Druck, sie nicht zu enttäuschen, fühle ich bei jedem Buch. Das war bei »Carte Blanche« nicht anders. Die Leser sind das Wichtigste für mich, und ich betrachte es als meine große Verantwortung, sie glücklich zu machen.
Liegen dem Roman eigentlich echte Geschehnisse zugrunde?
Ich habe mich von keinen bestimmten Ereignissen inspirieren lassen. Ich interessiere mich zwar sehr für die Entwicklungen auf dem Balkan, im Nahen und Mittleren Osten und in Afrika. Aber meine Bücher dienen der Unterhaltung und sind keine politischen Studien.
In »Carte Blanche« begegnen die Leser zahlreichen bekannten und beliebten Charakteren aus Bonds Welt wie Mrs Moneypenny, Mrs Goodnight, Felix Leitner und vielen anderen. Ist das eine Verneigung vor den Fans oder ein Tribut an Ian Fleming?
Wie erwähnt betrachte ich es als meinen Job, die Leser glücklich zu machen. Ich wusste, dass ich dafür einige typische Elemente aus der Bond-Literatur verwenden musste. Dazu gehören die angesprochenen Charaktere und auch andere Elemente, wie Bonds Bentley, seine Walther (mit der ich übrigens auch selbst schieße) und seine Leidenschaft für gutes Essen und vorzügliche Weine.
Was ist von »Carte Blanche« abgesehen Ihr Lieblings Bond-Roman oder –film?
Liebesgrüße aus Moskau.
Wie trinken Sie Ihren Wodka Martini?
Psst … Bitte verraten Sie es nicht weiter, aber von Wodka bekomme ich Kopfschmerzen. Ich trinke lieber Bourbon.
© Simon Denninger (Si-De-Punkt) / TrendyOne
Weiteres Interview zu »Der gehetzte Uhrmacher«:
> Deaver im Gespräch mit Krimi-Couch-Herausgeber Lars Schafft
