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Die Kathryn-Dance-Reihe
"Des Teufels Avatar"

Rezension von Ulrike Künnecke
Allwissend

Gebundenes Buch (Blanvalet)
auch als Hörbuch erhältlich

Buchstäblich in der letzten Sekunde wird Tammy aus dem Kofferraum eines Wagens am Strand der kalifornischen Halbinsel Monterey befreit. Wenige Augenblicke später wäre die 17-jährige Schülerin in ihrem vom Meer umfluteten Gefängnis gestorben. Das Unheimliche daran: Bereits am Tag zuvor war einem Streifenwagen unweit dieser Stelle ein neu aufgestelltes Holzkreuz mit frischen Blumen aufgefallen. Solche Kreuze werden gewöhnlich zum Gedenken an Opfer von Verkehrsunfällen angebracht. Der Polizist hatte darum auch erst Verdacht geschöpft, als er sich das Kreuz von Nahem ansah – und darauf seltsamerweise das Datum des nächsten Tages entdeckte.

Verhängnisvolle Lügen

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Unheil verheißenden Kreuz und dem versuchten Mord an der jungen Frau? Das ist die Frage, die Agent Kathryn Dance vom CBI, dem California Bureau of Investigation, beschäftigt, die mit dem Fall betraut wird. Als Kinesik-Expertin ist Dance besonders darin geschult, Gestik und Mimik ihres Gegenübers zu entschlüsseln. So bleibt in ihren Verhören kaum eine Lüge verborgen – Agent Dance vermag schon kleinste Unstimmigkeiten in der Körpersprache ihres Gegenüber zu lesen. Das Opfer Tammy gibt an, sie wäre von zwei Tätern, wahrscheinlich Latinos, überwältigt und in den Wagen gezerrt worden. Doch Agent Dance durchschaut schnell, dass Tammy nicht die ganze Wahrheit sagt. Was verbirgt die junge Frau, wovor hat sie Angst?

Ein tragischer Unfall

Wie aus Puzzleteilen setzt sich nach und nach ein ganz anderes Bild des Verbrechens zusammen. Vor einiger Zeit sind zwei junge Mädchen von Tammys Schule bei einem Autounfall ums Leben gekommen: Nach einer Party waren drei Freundinnen und ihr Mitschüler Travis Brigham bei schlechter Witterung spätabends aufgebrochen. Ihr Auto kam an einer unübersichtlichen Stelle von der Fahrbahn ab. Doch während Travis und seine Beifahrerin mit dem Schrecken davonkamen, starben die beiden Schülerinnen auf dem Rücksitz noch am Unfallort. Ein tragischer Unglücksfall. Infolge Fahrlässigkeit? Oder gar mit Vorsatz? Die ermittelnden Beamten stellten fest, dass der junge Fahrer nicht alkoholisiert war. Auch sonst ließ sich keinerlei Nachlässigkeit nachweisen.

Hexenjagd

Doch die Blogger vom örtlichen "Chilton Report" sind da ganz anderer Meinung. James David Chilton, ein Journalist und unermüdlicher Online-Kämpfer für Gerechtigkeit und Ordnung, hatte nach dem entsetzlichen Unfall die Frage aufgeworfen, ob die Straßen der Gegend noch sicher wären. Sehr schnell entwickeln die als Kommentar zum Unfall geposteten Beiträge eine aggressive Eigendynamik. Mehr und mehr zielen sie auf Travis, den Fahrer des Unglückswagens. Denn es scheint einfach zu unglaubwürdig, dass ein Auto einfach so von der gut ausgebauten Straße abkam. Und: Ist Travis nicht sowieso ein ziemlich komischer Kauz? Ein Freak, ein blasser, pickliger Einzelgänger, der den ganzen Tag vorm Computer rumhängt. Ein Typ, der die Amokläufer von Columbine verehrt und seine Zeit mit grausamen Ballerspielen verbringt?

Luser und Pervs

"Wir haben alle gewusst, dass [der Fahrer] ein Luser und Perv ist, und wir hätten die Polizei oder so rufen müssen, als sie gegangen sind. Ich hatte so ein übles Gefühl wie in Ghost Whisperer." – so schreibt zum Beispiel die Schülerin Kelley im "Chilton Report". Zunehmend gerät Travis auch ins Visier der Ermittler. Handelt es sich bei der Attacke auf Tammy etwa um einen Racheakt wegen ihres gehässigen Postings über Travis im "Chilton Report"? Noch während Agent Dance mithilfe des Computerspezialisten Jon Boling im Milieu der Gamer und Internet-Communities recherchiert, wird an der Straße ein weiteres unheimliches Holzkreuz gefunden. Für Agent Dance und Boling beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, denn der inzwischen spurlos verschwundene Travis scheint bereits das nächste Opfer ausgesucht zu haben.

Schöne neue Welt

Der begnadete Thriller-Autor Jeffery Deaver entführt seine Leser diesmal in die schöne neue Welt des Internets – reales Geschehen und Online-Realität verwebt er zu einem spannenden Kriminalfall. Die Suche nach der Wahrheit im WWW ist alles andere als einfach. Doch die bereits aus der "Menschenleserin" bekannte sympathische Ermittlerin Kathryn Dance gräbt sich auch hier mit bewährter Intuition durch alle Untiefen digitaler und realer Welten. Sie findet schließlich heraus, dass es letztendlich doch wieder um das Eine geht: die Liebe, diesmal in den Zeiten des Cyberspace.

Ulrike Künnecke (Literaturtest)
Berlin, Januar 2010
 
Jeffery Deaver