Gebundenes Buch (Blanvalet)
auch als Taschenbuch und
eBook erhältlich
Das Zurückstreichen der Haare, das kaum merkliche Anheben der Stimme, die kleine Pause vor einer Antwort. So minimal die Signale auch sein mögen, Kathryn Dance, Kinesik-Expertin beim California Bureau of Investigation, kurz CBI, weiß sie zu lesen. Doch auch Daniel Pell, der seit acht Jahren wegen vierfachen Mordes im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses von Capitola (Kalifornien) sitzt, ist ein Profi, wenn es um die Feinheiten der Kommunikation geht. Nun wird Pell aufgrund neu aufgetauchter Indizien verdächtigt, vor Jahren einen weiteren Mord begangen zu haben. Für ein Verhör durch die Spezialistin Dance wird er zum Bezirksgericht überstellt.
Heiße Wut und kalte Ruhe
Doch die Befragung läuft nicht wie geplant. "Ihr Herz klopfte jetzt wie wild, und sie hatte Angst. ... Dann wich Pells Wut schlagartig einer kalten Ruhe. Er lehnte sich zurück, atmete tief durch und betrachtete sie erneut. 'Sie sind Mitte dreißig, Officer Dance, und eigentlich ganz hübsch. Wie eine Lesbe sehen sie nicht aus, also dürfte es einen Mann in ihrem Leben geben. Oder gegeben haben. ... Und Sie haben Kinder, richtig? Na klar, haben Sie. Das kann ich sehen.'"
Profis unter sich
Daniel Pell gelingt es ebenso wie Officer Kathryn Dance, sich sehr genau in das Wesen seines Gegenübers einzufühlen. So wird ihr erst klar, dass Pell die ganze Situation inszeniert hat, um nach dem Verhör aus dem kaum gesicherten Bezirksgefängnis zu fliehen, als es bereits zu spät ist. Pell ermordet mehrere Wärter und kann mithilfe einer unbekannten Komplizin entkommen. Es beginnt ein atemberaubender Wettlauf mit der Zeit, denn nun gilt es, den Mörder aufzuspüren, bevor er weiter tötet. Kathryn Dance muss nun auch um ihre beiden Kinder fürchten: "Die Kleinen sind oft allein, nicht wahr? Bestimmt freuen sie sich über ein paar neue Spielkameraden", so hatte Pell ihr im Verhör gedroht.
Der Rattenfänger von Kalifornien
Daniel Pell war vor seiner ersten Verurteilung der Anführer einer "Familie" - einer Gruppe verwirrter junger Menschen, die er geschickt manipulierte und für seine Zwecke missbrauchte. Als charismatischer "Rattenfänger von Kalifornien" sieht er sich noch immer gerne. Nun hat er mit seiner jungen Komplizin Jennie ein neues Opfer gefunden: "Sie wollte sich die Haare nicht abschneiden. Sie wollte es ganz und gar nicht. Langes Haar war wichtig für sie. Er vermutete, dass sie es irgendwann hatte wachsen lassen, um sich nicht mehr so hässlich vorzukommen. ... Pell setzte sich so auf das Bett, dass er Jennie genau beobachten konnte. Ungeachtet seines früheren Protestes spürte er, wie sein Puls sich beschleunigte und der Ballon in ihm wieder anwuchs. Na los, mein Liebling, mach schon. Weinend hob sie eine der Strähnen an und schnitt sie ab. Atmete tief durch und schnitt erneut. ... Pell beugte sich mit großen Augen vor. Dann zog er sich Hose und Unterhose herunter."
Subtile Hochspannung
Jeffery Deaver, der 1950 geborene preisgekrönte Bestsellerautor und Großmeister der Spannung, verabscheut, ähnlich wie Alfred Hitchcock, die direkte Darstellung von Gewalt. Vielen Lesern ist Deaver bereits durch seine Thriller um den Forensik-Experten Lincoln Rhyme bekannt. Ist Lincoln Rhyme ganz und gar Wissenschaftler, ein Mann, der an harten Fakten interessiert ist, so hat der Autor mit Kathryn Dance eine völlig andere Serienheldin geschaffen. Sie steht mitten im Leben. Sie beschäftigt sich gerne mit Menschen, und als Kinesik-Expertin geht es ihr vor allem um die feinen Zwischentöne. Die Konstellation des Psychopathen Daniel Pell und der Verhörspezialistin Dance erinnert dabei fast ein wenig an "Das Schweigen der Lämmer" - hier wie dort handelt es sich um einander intellektuell durchaus ebenbürtige Kontrahenten, deren Beziehung untergründig auch eine erotische Komponente hat.
Nichts ist, wie es scheint
Eine besondere Spezialität des Autors Jeffery Deaver sind die frappierenden Auflösungen der Kriminalfälle in seinen Romanen. Schon will der Leser sich kurz vor Schluss entspannt zurücklehnen, da hagelt es noch einmal überraschende Wendungen. So auch diesmal. Kaum etwas ist, wie es scheint, und immer geht es noch eine Schicht tiefer. Da ist Hochspannung buchstäblich bis zur letzten Seite garantiert - ein prickelnder und mitunter psychologisch geradezu lehrreicher Lesegenuss.
